„Alex ist NICHT dumm sondern einfach besonders!“

09.08.2016
Hier schwitzen Chef und Azubi beim gemeinsamen Training.

Fitnesscoach Michael Machan spornt das Team zum Ende des Trainings noch einmal richtig an. „Kommt schon Leute, noch 10 Mal“, lautet die finale Anweisung des Personal Trainers, die sich an Chef und Auszubildenden gleichermaßen richtet. Ja richtig, hier trainieren Unternehmensinhaber und Nachwuchs zusammen.

Der Chef ist in diesem Fall Maler- und Lackierermeister Dietmar Ahle, Geschäftsführer der gleichnamigen Malermeister AHLE GmbH aus Paderborn. Bei den Azubis handelt es sich unter anderem um den 18jährigen Alex Mechling, dem es offensichtlich gefällt, mit seinem Chef auch außerhalb der Arbeitszeit aktiv zu sein.

Dabei hätte noch vor zwei Jahren kaum jemand gedacht, dass Azubi Alex tatsächlich einmal eine „richtige“ Ausbildung absolvieren würde – denn Alex ist Autist. Was im ersten Moment an Dustin Hoffmann und den Hollywood-Film „Rain Man“ erinnert, wird von der Weltgesundheitsorganisation im „wahren Leben“ zu den „tiefgreifenden Entwicklungsstörungen“ gerechnet. Auch Wikipedia schreibt, dass Autismus sich häufig durch einen „angeborenen abweichenden Informationsverarbeitungsmodus“ kennzeichnet, „der sich durch Schwächen in sozialer Interaktion und Kommunikation (...) und Stärken bei Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Intelligenz“ (Wikipedia) manifestiert. Für Dietmar Ahle seinerzeit kein Grund Alex eine Chance zu verweigern. „Nachdem ich von Alex hörte, habe ich mich mit dem Thema Autismus beschäftigt und festgestellt, dass autistische Menschen auch über bemerkenswerte Stärken verfügen. Das hat mich neugierig gemacht und ich wollte ihn näher kennen lernen.“ Gesagt, getan. Ahle, der seinerzeit schon als Unterstützer der Förderschule Pauline-von-Mallinckrodt aktiv war und bereits vor Alex vielen jungen Menschen im Rahmen eines Praktikums eine Chance gab, lud den damals 15jährigen mit seinen Eltern und Betreuern zum Gespräch ein und machte sich somit sein eigenes Bild. Mit einem Lächeln in den Augen erinnert sich der über die Stadtgrenzen Paderborns hinaus bekannte Unternehmer an die Frage, die Alex stellte, „Er wollte wissen, wie denn die Arbeitszeiten wären und stellte fest, dass er bei uns täglich eine Stunde später nach Hause gehen würde, als in seiner bisherigen Berufsbildungsinstitution. Das sorgte erst einmal für eine kurze „Sendepause“, aber erfreulicherweise schreckte es Alex nicht ab und wir wurden uns über ein Praktikum einig.“

„Natürlich gab es auch kritische Stimmen im Team“, räumt der Obermeister der Paderborner Maler- und Lakkiererinnung ein, „aber das war verständlich. Schließlich hatte bis zu diesem Zeitpunkt keiner bei uns im Unternehmen Kontakt zu einem Autisten und somit fehlten einfach die Erfahrungen im konkreten Umgang. Es war wichtig das gesamte Team mitzunehmen, Vorbehalte abzubauen und vor allem dafür zu sensibilisieren, dass Alex nicht dumm sondern einfach besonders ist. Alex erledigt seine Aufgaben stets zuverlässig, hat aber einen etwas höheren Kommunikationsbedarf. Ihm fehlt dabei das Gefühl dafür, wann sein Gegenüber „genug hat“. Deshalb war es wichtig dem Team klar zu machen, dass Alex eine klare Ansprache benötigt und auch ein wenig mehr Verständnis als andere.“

Nach den anfänglichen Herausforderungen lebte sich Alex gut ein und absolvierte das Jahrespraktikum zur vollsten Zufriedenheit des Paderborner Unternehmers. Die logische Konsequenz lautete, dass Ahle dem jungen Mann einen Ausbildungsplatz anbot, den der potentielle Azubi auch prompt unterschrieb.

„Leider war die Berufsschule ein wenig überfordert mit Alex“, erinnert sich Ahle heute, „obwohl er direkt zum Klassensprecher gewählt wurde, gab es eine kleine Gruppe von Mitschülern, die ihn aufgrund seiner Aussprache und generellen Art der Kommunikation mobbten.“

Laut Ahle zeigten sich die Lehrer eher hilflos und so griff der Unternehmer selber zum Hörer „Ich habe kurzerhand die jeweiligen Chefs angerufen und dort auf das Thema aufmerksam gemacht, glücklicherweise stieß ich bei meinen Kollegen auf offene Ohren, so dass wir das Thema „Mobbing“ sehr schnell ad acta legen konnten.“

Heute ist Alex ein fester Bestandteil im 26köpfigen Team. „Er hat sich gemacht und wir merken auch in anderen Bereichen, dass er sich bei uns wohl fühlt. Beispielsweise ist es für Autisten grundsätzlich eher schwierig sich in neuen Situationen zurecht zu finden, weshalb er anfangs noch mit dem Taxi zur Arbeit gebracht wurde. „Mittlerweile“, so freut sich Dietmar Ahle, „fährt er mit dem Bus und hat somit auch seinen Aktionsradius erweitert. „Auch", so Ahle weiter, „traut er sich generell einfach mehr zu: Zur letzten Mitarbeiterveranstaltung zum Beispiel hat Alex eine Rede gehalten! Vor dem gesamten Team und allen Gästen. Wir waren alle sehr überrascht und beeindruckt.“

Auch das seitens des Unternehmers kostenlos angebotene Fitnesstraining nimmt der Azubi des 1. Lehrjahres gerne in Anspruch. „Das war richtig gut“, freut sich der künftige Farbenprofi.

Auf die Frage, welches besondere Talent Ahle denn nun bei seinem Schützling entdeckt hat, gerät der Unternehmer abermals ins Schmunzeln. „ Geburtsdaten“, lautet die direkte Antwort, „nennen Sie ihm nur ein Mal Ihren Geburtstag, er wird ihn niemals vergessen!“




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