Drei auf einen Streich: Triales Studium soll Abiturienten ins Handwerk locken

26.01.2016
Jessica Müller

Vor wenigen Jahren hat die Handwerkskammer Köln mit dem trialen Studium ein inno-vatives Ausbildungsmodell zusammen mit der Fachhochschule des Mittelstandes FHM aus der Taufe gehoben. Es richtet sich speziell an Abiturienten, die auf der Karriereleiter des Handwerks schnell nach oben kommen wollen. Innerhalb von 4,5 Jahren können erfolgreiche Absolventen vier erstklassige Qualifikationen vorweisen: den Gesellenbrief, den Meisterbrief, den Betriebswirt im Handwerk und einen Bachelor-Abschluss im Handwerksmanagement.

Jessica Müller vom Malerbetrieb Karl Müller aus Pulheim bei Köln war die erste Malerin, die dieses Projekt mit Erfolg meisterte.

Frage: Mit Abi ins Handwerk – das ist für viele Abiturienten nicht unbedingt der Karrierewunsch Nummer 1.

Jessica Müller: Das war bei mir, obschon mein Vater einen Malerbetrieb mit 18 Mitarbeitern führt, zunächst auch nicht anders. Eigentlich habe ich zuerst eine Ausbildung bei der Polizei angestrebt. Ziemlich schnell erkannte ich aber, dass das nicht das Richtige für mich war. Danach habe ich dann erst einmal im Betrieb meines Vaters ausgeholfen.

Frage: Wie haben Sie denn überhaupt von der trialen Ausbildung erfahren?

Jessica Müller: Ein Mitarbeiter der Malerinnung Rhein-Erft hatte meinem Vater erzählt, dass es jetzt etwas ganz Neues über die Handwerkskammer Köln gibt. Mein Vater war direkt Feuer und Flamme und gab mir den entscheidenden Anstoß. Ein klassisches Studium hatte ich eigentlich nicht angestrebt, da mir der Praxisbezug dabei fehlte.

Frage: Und wie lief das triale Studium denn nun für Sie ab?

Jessica Müller: Die Regelzeit für dieses Ausbildungsmodell beträgt eigentlich viereinhalb Jahre und begann für mich mit einer normalen Ausbildung zur Maler- und Lackierergesellin. Die Gesellenprüfung habe ich allerdings schon nach eineinhalb Jahren absolviert, so dass meine gesamte triale Ausbildung nur vier Jahre umfasste. Parallel zur dualen Ausbildung habe ich allerdings schon den Fachkaufmann im Handwerk (Teil 3 der Meisterprüfung) und teilweise auch schon den Betriebswirt im Handwerk gemacht. Die dafür erforderlichen Veranstaltungen liefen meistens freitags nach der Arbeit und an Samstagen. Nachdem alle aus unserer Gruppe die Gesellenprüfung in der Tasche hatten, ging es auch schon mit dem Vollzeitstudium an der FHM los. Danach folgte dann die Fachpraxis und Fachtheorie (Teile 1 und 2) der Meistervorbereitung, während das Studium in Teilzeit weiterlief. Noch während der Meistervorbereitung habe ich dann meine abschließende Bachelor-Arbeit verfasst und zum Schluss dann die Meisterprüfung abgelegt.

Frage: Das hört sich nach einem echten Lernmarathon an. Blieb währenddessen überhaupt noch Zeit für private Interessen oder Hobbies?

Jessica Müller: Privat musste ich mich schon sehr einschränken, da auch die Wochenenden mit Lernen und schriftlichen Hausarbeiten meist ausgelastet waren. Zum Ende hin wurde es immer enger und das letzte Jahr mit der Vorbereitung auf die Meisterprüfung war dann wirklich verdammt hart und entbehrungsreich für mich. Den Freizeitfaktor eines typischen Studiums habe ich leider nie kennenlernen dürfen.

Frage: Womit haben Sie sich in Ihrer Bachelor-Arbeit befasst?

Jessica Müller: Das Thema sollten wir selber entwickeln. Da ich mich schon während des Studiums sehr für das Personalwesen interessiert habe und vorher bereits einige Hausarbeiten in diesem Bereich geschrieben hatte, war es sinnvoll, auch die Bachelor-Arbeit darauf hin auszurichten. Mein Thema lautete „Chancen und Risiken für kleine und mittelständische Handwerksunternehmen unter Berücksichtigung der sich ändernden Ausbildungs- und Fachkräftesituation“. Dafür hatte ich etwa zwei Monate Zeit.

Frage: Wer ist denn alles mit Ihnen bei der trialen Ausbildung an den Start gegangen? Wer davon hat wie Sie durchgehalten?

Müller: Wir sind mit 19 Personen gestartet, davon hat nur einer geschmissen. Die Truppe war bunt gemischt und kam aus allen möglichen Handwerkszweigen zusammen. Das klappte natürlich nur, weil gerade die Studieninhalte von ihren Themen her handwerksübergreifend ausgerichtet waren. Etwa 60 – 70 Prozent meiner Mitstudierenden hatten wie ich einen familiären handwerklichen Background.

Frage: Was hat Ihnen persönlich in der trialen Ausbildung am besten gefallen?

Jessica Müller: Der enorme Praxisbezug in den Vorlesungen an der FHM hat mich ausgesprochen positiv überrascht. Das lag sicherlich auch an unseren Dozenten, die keine grauen Theoretiker waren, sondern alle wussten, wovon sie sprachen. Teilweise liefen die Vorlesungen auch online ab, das war allerdings nicht so mein Ding. Die Präsenzphasen – Auge in Auge mit den Dozenten – waren einfach spannender und es gab viel mehr Diskussionen.

Frage: Wie haben Sie das Ganze finanziert?

Jessica Müller: Vieles lief natürlich über den elterlichen Betrieb, für den ich ja auch weiterhin im Rahmen meiner Möglichkeiten tätig war. Dazu kam noch ein bisschen BAFÖG. Einige aus unserer Gruppe wurden sogar durch Stipendien gefördert.

Frage: Wie bewerten Sie denn die Qualität der Meisterausbildung innerhalb des trialen Studiums?

Jessica Müller: In der Rückschau betrachtet würde ich sagen, die Vorbereitung auf den Meister war am stressigsten. Das lag aber auch daran, dass der Zeitrahmen für Fachtheorie und Fachpraxis sehr eng gesteckt war. Zu viel Inhalt in viel zu wenig Zeit. Allerdings haben wir auch in der Meisterschule tolle Dozenten gehabt, die uns super unterstützt und begleitet haben. Ohne die wäre es für mich wirklich eng geworden.

Frage: Welche Inhalte in der Meistervorbereitung würden Sie ändern?

Jessica Müller: Einige Inhalte sind meines Erachtens überholt. Das räumliche und perspektivische Zeichnen hat meiner Meinung nach viel zu viel Zeit in Anspruch genommen und ist auch nicht mehr zeitgemäß. Das läuft doch heute eh über entsprechende PC-Programme ab. Auch die Angebotskalkulation von Hand ist nicht mehr up to date. Ich habe aber gehört, dass die Kammer Köln zwischenzeitlich schon deutlich nachgebessert hat und mehr auf den PC-Einsatz setzt. Allerdings war ich ja auch ein Sonderfall in der Meistervorbereitung. Einige theoretischen Inhalte sind mir deutlich leichter gefallen als meinen Mitschülern. Dafür hatten die es in der Fachpraxis deutlich leichter, da sie zum Teil schon über eine zehnjährige Berufserfahrung verfügten. Da konnte ich natürlich schwer mithalten.

Frage: Würden Sie den Weg des trialen Studiums noch einmal wählen?

Müller: Ein klares JA. Wenn ich allerdings wie jetzt wüsste, was auf mich zukommt, würde ich mich zeitlich komplett anders organisieren und besser strukturieren. Die Perspektiven nach dieser Ochsentour sind nahezu glänzend, so dass sich der Lernstress am Ende lohnt. Das sehe ich auch bei den übrigen Absolventen. Viele aus unserer Gruppe haben danach tolle Jobs bekommen, auch bei Top-Adressen der deutschen Automobilindustrie.

Frage: Und wie geht es jetzt bei Ihnen weiter?

Jessica Müller: Da ich jetzt noch voll im Lernrhythmus drin war, habe ich mich entschlossen, mein Studium an einer privaten Fachhochschule fortzusetzen und in etwa zwei Jahren den Master im Bereich Personalmanagement draufzusatteln. Danach muss ich mal schauen …. Entweder ich steige dann voll in meinem elterlichen Betrieb ein oder ich schnuppere mal ganz woanders rein. Wenn ich im Malerhandwerk bleibe, könnte ich mir gut vorstellen, mich auch mal um eine Stelle in der Meisterprüfungskommission zu bewerben. In meiner Prüfung hatte ich den Eindruck, dass einige Inhalte schon etwas überholt waren. Als Mitglied der Prüfungskommission könnte ich mir vorstellen, dort neue und frische Ideen aktiv einbringen zu können.

Frage: Frau Müller, herzlichen Dank für dieses Interview. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg auf Ihrem Weg zum Masterabschluss und natürlich darüber hinaus!

Das Interview führte Guido Gormanns, Geschäftsführer des Maler- und Lackiererinnungsverbandes Nordrhein




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